Die neue buddhistische Bewegung in Indien

Obwohl Indien die Geburtsstätte des Buddhismus war, starb er dort vor etwa 800 Jahren nahezu aus. Erst im vergangenen Jahrhundert erfuhr der Buddhismus in Indien eine Wiederbelebung, als in den 50er-Jahren Hunderttausende im Rahmen von Massenkonversionen zum Buddhismus übertraten. Eine zweite Welle von Konversionen rollte in 2001 durch das Land. Heute gibt es in Indien um die zehn Millionen Buddhisten, von denen die meisten vormals "Unberührbare" waren, also Menschen auf der untersten Stufe der gesellschaftlichen Rang- und Kastenordnung.

Der Hintergrund – das indische Kastensystem

Das hinduistische Kastensystem – ein „System abgestufter Ungleichheit" – spaltete jahrtausendelang die indische Gesellschaft. Die Kaste, in die ein Mensch hineingeboren wurde, sah man als sein verdientes Schicksal an und seine Rolle und sein Wert waren dadurch lebenslang festgelegt. Die sogenannten „Unberührbaren" standen noch unterhalb des Kastensystems und wurden so gering geachtet, dass jeder Kontakt mit ihnen, wie etwa das Teilen eines Brunnens, als 'verseuchend' galt. Bildung, Religion und die grundlegendsten Menschenrechte wurden ihnen verwehrt.

Mit Indiens politischer Unabhängigkeit stieg Dr. Bhimrao Ambedkar zum Vorkämpfer für die Rechte der Kastenlosen auf. Ambedkar entstammte einer “unberührbaren" Kaste, doch es gelang ihm mit außerordentlicher Begabung und unsagbaren Anstrengungen, zu einem der Topjuristen Indiens zu werden. Er wirkte maßgeblich am Entwurf der indischen Verfassung mit, die das Kastensystem abschaffte und alle Inder vor dem Gesetz gleich stellte.

Doch eine Form sozialer Unterdrückung legal abzuschaffen bedeutete noch nicht, ihre gesellschaftliche und psychologische Wirkung aufzuheben. Ambedkar erkannte, dass nur eine klare Abkehr vom Hinduismus den vormals Unberührbaren helfen konnte, die tief verwurzelte Einstellung von Minderwertigkeit zu überwinden. Im Buddhismus fand er eine spirituelle Tradition, die die Würde und das unbegrenzte Potential jedes Menschen vertrat. Darum verließ er 1956 mit Hunderttausenden seiner Anhänger den Hinduismus und trat zum Buddhismus über.

Die “neuen" Buddhisten Indiens

Für die „neuen" Buddhisten Indiens ist der Buddhismus daher mehr als nur eine religiöse Lehre. Er ist für sie der „Rettungsring“, der ihnen zu einem wahren menschlichen Status verholfen und daher eine stärkere soziale und politische Dimension als für Buddhisten im Westen hat.

1978 nahmen Angehörige des Triratna-Ordens mit den neuen Buddhisten Indiens Kontakt auf. Es zeigte sich, dass spirituelle Unterweisung erwünscht und nötig war. Der Ansatz der Triratna-Gemeinschaft fand in Indien große Resonanz und starken Zulauf. Mittlerweile sind etwa 30 Prozent des Ordens, also derzeit ca. 500 Ordensangehörige, Inder. Die Dharma-Aktivitäten bestehen − wie im Westen − vor allem im Unterricht von Meditation und Buddhismus in Stadt- und Retreatzentren. Allerdings müssen auch neue Wege beschritten werden, um den Buddhismus in diesem, vom Westen so verschiedenen gesellschaftlichen Kontext umzusetzen

Besondere Akzente der Dharma-Aktivitäten in Indien

Sozialarbeit - Soziales Engagement ist ein wesentlicher Bestandteil der Praxis der meisten indischen Buddhisten. In Indien ist Buddhismus weniger eine Privatangelegenheit des Einzelnen wie im Westen, sondern wird als eine Kraft angesehen, die die gesamte Gemeinschaft positiv transformieren kann. Ein wichtiger Aspekt der Triratna-Gemeinschaft in Indien sind daher soziale Projekte, von der Betreuung von Slum-Kindern über medizinische Versorgung bis zu Berufsbildungsprogrammen (siehe hierzu auch die hervorragende Arbeit des Karuna-Trust§)

Selbstvertrauen entwickeln – Buddhismus lehrt, dass jeder das Potenzial für Buddhaschaft besitzt. Allerdings ist ein gewisses Maß an Selbstvertrauen nötig, um an dieses eigene Potenzial glauben zu können. Triratna hat in Indien verschiedene Aktivitäten entwickelt, um tiefverwurzelte Gefühle von Minderwertigkeit zu überwinden: Kulturelle Angebote helfen einer Gemeinschaft, eine eigene Identität und Selbstvertrauen zu entwickeln. Die Förderung von Kindern und Jugendlichen (durch Kindergärten und schulbegleitende Programme) schafft gute Startvoraussetzungen, ergänzt durch kulturelle Angebote wie Zeichen-, Schauspiel- und Rhetorikkurse. Karateunterricht für Kinder und Jugendliche hat sich bewährt, um die eigene Stärke und Standfestigkeit zu erleben. Alphabetisierungsprogramme helfen, Grundvoraussetzungen an Bildung zu erwerben.

Frauenförderung - Die Rolle von Frauen und Mädchen war jahrtausendelang von Unterordnung und Minderwertigkeit geprägt. Darum richten sich einige Angebote von Triratna gezielt an Frauen: Ausbildungsprogramme schaffen die Grundlage für wirtschaftliche Unabhängigkeit; Retreats für Frauen vermitteln eine Erfahrung von Autonomie. Empowerment-Projekte helfen Frauen, ihre Kraft zu finden und sich auch Führungsaufgaben zunehmend zuzutrauen. Allein die Tatsache, dass bei Triratna Frauen und Männer völlig gleichrangig praktizieren, fördert ein radikales Umdenken beider Geschlechter.

Asvagosha – Um auch Menschen zu erreichen, die keinen Zugang zu Büchern u.ä. haben, ist die buddhistische Laienschauspielgruppe „Asvagosha“ entstanden. Das Team von Asvagosha reist in Dörfer und vermittelt buddhistische Lehren durch Gesang und Theaterspiel. Die Szenen setzen bei den ganz konkreten Problemen der Menschen an: Alkoholismus, Arbeitslosigkeit, Gewalt gegen Frauen werden thematisiert und buddhistische Handlungsansätze aufgezeigt.

Die Landbevölkerung erreichen – Die Kluft zwischen den modernen, technisierten Städten und dem Land ist enorm. Ordensangehörige reisen regelmäßig in die Dörfer und nehmen lange Wege in Kauf, um auch Menschen in abgelegenen ländlichen Gegenden mit der buddhistischen Lehre zu erreichen.

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